Sag den Namen Klimt, und die meisten denken an Blattgold, sich umarmende Liebende und die glitzernden Porträts der Wiener Gesellschaft. Birnbaum, gemalt 1903, zeigt einen völlig anderen Künstler. Hier gibt es kein Gold, kein berühmtes Modell, keinen Skandal. Nur einen Obstbaum, so dicht voller Blätter und Früchte, dass er fast die ganze Leinwand verschluckt. Und doch ist es unverkennbar Klimt, vielleicht sogar reiner Klimt als alles andere, was er geschaffen hat.

Die andere Hälfte von Gustav Klimt

Klimts Landschaften sind sein bestgehütetes Geheimnis. Etwa ein Viertel seines malerischen Werks besteht aus Landschaften, eine Tatsache, die fast jeden überrascht, der ihn nur durch Der Kuss kennt. Er kam relativ spät zu diesem Genre, Mitte dreißig, und kehrte dann jedes Jahr bis an sein Lebensende dorthin zurück.

Die Landschaften waren persönlich auf eine Weise, wie es seine Porträts nie sein konnten. Kein Auftrag, kein Kunde, dem man schmeicheln, kein Komitee, das man zufriedenstellen musste. Er malte sie für sich selbst, und man sieht es. Sie sind still, obsessiv und seltsam, und Birnbaum gehört zu den schönsten von allen.

Sommer am Attersee

Fast alle Landschaften Klimts entstanden in seinen Sommerferien. Jedes Jahr verließ er Wien in Richtung Salzkammergut und verbrachte lange Wochen am Attersee mit der Familie von Emilie Flöge, seiner lebenslangen Gefährtin. Dort schwamm er, ruderte, wanderte und malte.

Es waren Arbeitsurlaube im sanftesten Sinne. Klimt baute sich im Freien auf und studierte, was ihm ins Auge fiel: ein Bauernhaus, eine Gruppe Birken, die Oberfläche des Sees, einen Obstbaum schwer vom Sommer. Birnbaum gehört zu dieser Welt des gemächlichen Schauens. Man spürt darin fast die Stille eines warmen Nachmittags.

Warum die quadratische Leinwand?

Klimt bevorzugte für seine Landschaften das quadratische Format, und Birnbaum folgt dieser Regel. Für die Landschaftsmalerei ist das eine kuriose Wahl, denn traditionell zieht sie sich in die Breite, um Ferne und Horizont anzudeuten. Das Quadrat verweigert all das. Es hat keine natürliche Richtung, das Auge schweift also nicht über die Szene, sondern lässt sich in ihr nieder.

Die Wirkung ist kontemplativ statt panoramisch. Eine quadratische Klimt-Landschaft fühlt sich weniger wie ein Fenster an und mehr wie ein Objekt, etwas in sich Vollendetes. Sie verlangt dieselbe Aufmerksamkeit, die man einer verzierten Tafel oder einer Ikone schenken würde, und genau so behandelte Klimt seinen bescheidenen Birnbaum.

Ein Baum, der sich in Muster auflöst

Tritt einen Schritt zurück, und du siehst einen Obstgarten. Tritt näher heran, und der Baum zerfällt in Tausende kleiner Farbtupfer: Grün auf Grün, gelbe Fruchtsprenkel, verstreutes Licht. Die Äste schwellen an, bis das Laub fast das ganze Bild füllt und nur unten ein schmaler Wiesenstreifen bleibt. Der Baum hört auf, ein Baum zu sein, und wird zu einem schimmernden, mosaikartigen Farbfeld.

In diesem alles überziehenden Muster treffen sich Klimts dekorativer Instinkt und seine Liebe zur Natur. Er behandelt einen einfachen Obstbaum, als wäre er ein heiliges Bild, Natur als Ornament, ein Schmuckstück aus Blättern. Es ist eigentlich gar kein Bild eines Ortes. Es ist eine Meditation über Fülle, Wachstum und Zeit, ganz erzählt durch Muster und Farbe.

Von einem österreichischen Obstgarten nach Harvard

Heute hängt Birnbaum weit weg vom Salzkammergut. Das Gemälde gehört dem Busch-Reisinger Museum der Harvard University, dem einzigen Museum Amerikas, das der Kunst des deutschsprachigen Raums gewidmet ist. Damit ist es eine der wenigen Klimt-Landschaften, die man in den USA sehen kann.

Das Bild trägt auch ein kleines Rätsel in seiner Oberfläche. Klimt kehrte um 1918 zur Leinwand zurück, etwa fünfzehn Jahre nach der ersten Fassung, und überarbeitete Teile davon. Er starb im selben Jahr, was Birnbaum zu einer frühen Landschaft und zugleich, in gewissem Sinne, zu einer seiner letzten macht. Nur wenige Gemälde vereinen Anfang und Ende der reifen Laufbahn eines Künstlers in einem einzigen Rahmen.

Das Puzzle, das sich wehrt

Hier ein Geständnis von Leuten, die beruflich Gemälde zusammensetzen: Birnbaum ist eines der schwersten Puzzles, an die du dich wagen kannst. Das gesprenkelte, alles überziehende Muster, das das Gemälde an der Museumswand so hypnotisch macht, wird auf dem Puzzlebrett zu einer wunderschönen Falle. Fast jedes Teil ist eine Variation von Grün und Gold. Kein Himmel, der dir Halt gibt, keine klare Kante zwischen den Dingen, nur feine Verschiebungen in Ton und Textur. Es ist Traum und Albtraum jedes Puzzlefans zugleich.

Genau das macht es aber auch so befriedigend. Beim Lösen musst du das Gemälde so betrachten, wie Klimt es aufgebaut hat, ein kleines Stück Farbe nach dem anderen, bis sich der Baum langsam unter deinen Fingern wieder zusammensetzt. Wenn du es versuchen möchtest: Birnbaum ist in Artizens kostenloser Kunstliebhaber-Sammlung enthalten, du kannst also Artizen im App Store laden und sofort anfangen, Blätter zu legen. Kleine Warnung: Der Wiesenstreifen unten ist der leichte Teil. Alles darüber ist purer, herrlicher Klimt.

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